8 gute Gründe dir das Fluchen nicht mehr zu verbieten

8 gute Gründe dir das Fluchen nicht mehr zu verbieten

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Warum Schimpfwörter bzw. Kraftausdrücke sogar gesund sind. Wissenschaftlich erklärt

“Dot, du musst auf deine Sprache achten.”, “Dot, du fluchst zu viel, hier sind Kinder anwesend!”, “Dot, warum fluchst du so viel? Hast du dich nicht unter Kontrolle?!”, “Dot, Wenn du weiterhin so viel fluchst, wirkst du ungebildet und unsympathisch.” 

Scheiße ist das Friedlichste, was Menschen produzieren – J.B.O.

Diese und andere Sprüche muss ich mir immer wieder anhören. Von Fremden wie von Kolleg_innen. Denn ich bin eine Person, die gerne und viel flucht. Wenn ich etwas scheiße finde, dann sage ich das auch genau so. Ja, das klingt für Viele derb, aber streng genommen ist Scheiße doch eigentlich das Friedlichste, was Menschen produzieren Wie bereits die Band J.B.O. in ihrem Song “Die Scheiße” besingen.  Um gleich zuerst mit einem Vorurteil aufzuräumen: Dass Fluchen ein Ausdruck von geringem Intellekt oder Hinweis auf einen geringen Wortschatz sei, widerlegten dieses Psycholog_innen Ehepaar Timothy und Kristin Jay in dieser (Studie: “Taboo word fluency and knowledge of slurs and general pejoratives: deconstructing the poverty-of-vocabulary myth”

Jetzt fragst du dich bestimmt “Aber Moment Mal Dot, warum ist der Artikel nicht in der Rubrik ‘unbeliebte Meinung’?” Gute Frage! Weil das hier keine Meinung ist! Ich habe hier Fakten zusammengetragen, die eindeutig den Nutzen von Fluchen gegenüber nicht Fluchen bzw. “sich zusammenreißen” aufzeigen. Es gibt ohne Scheiß – ich konnte nicht widerstehen –  😉 eine ganze Wissenschaft des Fluchens, die sogenannte Malediktologie die 1973 vom Chemieingenieur Reinhold Aman in den USA gegründet wurde. Fluchen mag zwar unbeliebt sein, aber es hat definitiv Vorteile, die sich nicht verneinen lassen.

 

Grund 1: Fluchen hilft bei Stress

Stichwort: Psychohygiene. Fluchen hilft uns im Alltag “Dampf abzulassen”. Wie heilsam Fluchen sein kann, erfährt eins erst dann, wenn es einem nicht (mehr) erlaubt wird. Generell gesprochen ist sog. self-silencing ansprechen, also das Unterdrücken der eigenen Gefühle, Gedanken und Bedürfnisse meistens Zugunsten Anderer sehr schädlich für unsere Psyche. Hier exemplarisch zwei Studien dazu. (Studie zu self-silencing a review; Studie zu self-silencing und Esstörungen). Was Fluchen konkret angeht, fand diese von Michael Philipp von der Massey University in Neuseeland und Laura Lombardo von der australischen University of Queensland aus dem Jahr 2017 durchgeführte Studie heraus, dass Fluchen nicht nur physische Schmerzen lindert (siehe Grund 6), sondern auch psychische. 62 Probanden sollten eine Episode aus ihrem Leben niederschreiben, in der sie sich entweder ausgegrenzt oder integriert gefühlt hatten. Anschließend sollten sie sie ihre Hände in Eiswasser halten und dabei selbst gewählte Kraftausdrücke bzw. neutrale Begriffe rufen. Wer über ein seelisch schmerzhaftes Ereignis berichtet hatte, reagierte empfindlicher auf den Kälteschmerz. Das Fluchen zeigte hier gleich auf zwei Ebenen Wirkung: Es linderte den emotionalen Schmerz und erhöhte die Kältetoleranz (Studie “Hurt feelings and four letter words: Swearing alleviates the pain of social distress”). 

Fluchen unterscheidet sich von “normaler” Sprache. Denn anders als bei “normaler” Sprache spielt die rechte Hirnhälfte beim Fluchen offenbar eine entscheidende Rolle. Ende des 19. Jahrhunderts entdeckte der französische Chirurg Paul Broca die nach ihm benannte Hirnregion als einer seiner Patienten mit einer Hirnverletzung in eben jedem Areal nur noch “tan tan” sagen konnte. Was dabei aber meistens verschwiegen wird ist, dass der Patient noch in der Lage war zu fluchen! Interessanterweise wies der Psychiater Bessel van de Kolk bei seinen Experimenten mit traumatisierten Kriegsveteranen im MRT nach, dass eben jenes Hirnareal bei der Erinnerung an traumatische Ereignisse “offline” geht. Die Proband_innen waren physisch nicht in der Lage zu sprechen. Was allerdings immer noch funktioniert, ist Fluchen oder Singen (Buch. “verkörperter Schrecken”). 

 

Grund 2: Fluchen macht dich authentischer

Wenn du dir nie erlaubst zu fluchen und stattdessen Verniedlichungen oder Euphemismen wie z.B. “Scheibenkleister” sagst, nimmt das deiner Äußerung die eigentliche emotionale Schlagkraft dahinter. Diese Schlagkraft ist ein Stück Authentizität. Wenn wir uns ehrlich aufregen und wütend werden, wirken wir nahbarer und damit auch glaubwürdiger, wie die Rechtspsychologen Eric Rassin und Simone van der Heijden, damals beide an der Erasmus-Universität in Rotterdam, 2005 in der (Studie “Appearing credible? Swearing helps!” von Eric Rassin) zeigen konnten. Probanden wurden fiktive Zeugenaussagen vorgelegt und sie sollten bestimmen wer die Wahrheit sagt und wer lügt und demnach anstelle eines fiktiven Richters ein Urteil fällen. Dabei schnitten die Aussagen, in denen mehr geflucht wurde deutlich besser ab. In der Politik wird Fluchen schon immer zur Publikumswirksamkeit eingesetzt. Eine unterhaltsame (Studie über den Erfolg der Partei um Beppe Grillo) einem Komiker aus Italien, zeigt wie wichtig Sprache im Marketing ist. Allerdings braucht es mehr als eine nahbare Sprache um Die Wahlentscheidung zu beeinflussen.

Außerdem kannst du deine wahren Gedanken und Gefühle schwer verstecken. Menschen kommunizieren zu über der Hälfte non-verbal. In unserer Körpersprache und Mimik zeigt sich eindeutig, wenn uns etwas nicht passt z.B. wenn wir die Lippen schürzen oder zusammen pressen. Das tun wir total unbewusst, doch unser Gegenüber bemerkt es. Dieser Gegensatz wird dann als sog. kognitive Dissonanz zwischen dem Gesagten und der Körpersprache wahrgenommen. Je weiter beides voneinander abweicht, desto unwohler wühlen sich alle Beteiligten in einem Gespräch. 

 

Grund 3: Fluchen ist gut für den Selbstwert

Authentizität ist laut dem Psychologen Nathaniel Branden neben bewusst Leben, Selbstannahme, eigenverantwortlich Leben, selbstsicheres Behaupten der eigenen Person und zielgerichtetes Leben eine der 6 Säulen des Selbstwerts. Wenn du dir immer verbietest “scheiße” zu sagen, wenn etwas tatsächlich scheiße ist und stattdessen deine Worte herunterschluckst in der Hoffnung dadurch sympathischer zu wirken, dann – newsflash – wirkst du nicht sympathischer. Außerdem schadest du dadurch nur langfristig deiner Psyche (s. Grund 1) Ein großer Faktor bei der Authentizität ist es nicht für Andere zu leben, sondern für dich selbst. 

 

Grund 4: Fluchen Fördert die Kommunikation

Könnte Fluchen die Urform unserer heutigen Sprache sein? der Sprachwissenschaftler André Meinunger vom Leibniz-Zentrum Allgemeine Sprachwissenschaft in Berlin glaubt jedenfalls fest daran: »Es verwundert sehr, dass Schimpfen und Fluchen im weitesten Sinne noch nicht als Ursprache vorgeschlagen wurde. Es scheint doch auf der Hand zu liegen, dass Unmutsäußerungen sicher zu den ersten Sprechakten gehörten. Auch im heutigen Schimpfen steckt viel Archaisches.« (Zitat hier nachzulesen). Auch (Diese Studie der Uni Singapur), zeigt, dass Fluchen neurobiologisch auf einer Stufe mit Äußerungen wie “Aua” steht. Könnte es demnach sein, dass Fluchen der Schlüssel zur Entwicklung der komplexen menschlichen Sprache war? Egal ob Fluchen nun die Entwicklung der menschlichen Sprache gefördert hat oder nicht, eins ist klar: Kraftausdrücke sind ziemlich unmissverständlich. Wenn etwas scheiße ist, dann ist das nicht schade, ungeschickt, unglücklich oder unschön. Nein, dann ist das einfach mal scheiße! Alle wissen sofort was damit gemeint ist. In einem guten Gespräch sollten dann Nachfragen wie “Was genau daran finden Sie denn scheiße?” o.Ä. folgen. Ein Kraftausdruck öffnet also ein Gespräch für konstruktive Kritik und Verbesserung, solange in der Sache kritisiert wird. Fluchen bringt Menschen zusammen. Denn Fluchen zieht sich durch alle sozioökonomischen Schichten der Gesellschaft.

 

Grund 5: Fluchen hilft dir bei gesunder Grenzziehung

“Das war jetzt aber echt scheiße von dir”. Das haben wir sicherlich Alle schon mal gehört, oder? Im ersten Augenblick fühlen wir uns dabei natürlich schlecht, aber wir merken uns was wir in Zukunft lassen sollten und die Chancen stehen gut, dass wir das nicht wieder vergessen. Kraftausdrücke eignen sich hervorragend um eine harte Grenze kenntlich zu machen. Dadurch wissen die Menschen um uns herum dass es uns mit einer grenze tatsächlich ernst, und diese nicht mehr verhandelbar ist. Bis hierhin und nicht weiter! 

 

Grund 6: Fluchen lindert Schmerzen

Hierzu gibt es (ein berühmtes Experiment von Richard Stephens von der Keele University in Staffordshire). Im Experiment sollten insgesamt 67 Studenten ihre Hand in Eiswasser halten – eine schmerzhafte Prozedur. Wer währenddessen vulgäre statt neutrale Begriffe von sich gab, hielt im Schnitt ganze 40 Sekunden länger durch. Zugleich zeigten diese Probanden eine verminderte Schmerzwahrnehmung und einen erhöhten Herzschlag. In der Netflix Mini-Serie “History of Swear Words” wurde dieser Versuch mit Comedians wiederholt. 

 

Grund 7: Fluchen erhöht die körperliche Leistungsfähigkeit

Auch bei körperlicher Anstrengung und den damit verbundenen Schmerzen und Belastungen hilft Fluchen. Du kennst das wahrscheinlich von dir selbst: Wenn du die Treppe hoch steigst und dabei fluchst, musst du weniger häufig stehen bleiben. Der bereits erwähnte Richard Stephens führte dazu ein Experiment mit einem Heimtrainer durch (“Effect of swearing on strength and power performance”). Dies ist auch der grund warum in Kampfsportarten beim Schlag nicht bloß ausgeatmet, sondern gerufen wird. 

 

Grund 8: Fluchen fördert das Erinnerungsvermögen

Das ist ein interessanter Aspekt von Fluchen. Da die rechte Gehirnhälfte für das Fluchen zuständig ist, fällt es uns leichter uns Dinge zu merken, wenn zwischendurch geflucht wird (Studien “Arousal-Mediated Memory Consolidation: Role of the Medial Temporal Lobe in Humans” und “Two routes to emotional memory: Distinct neural processes for valence and arousal”). Selbst wenn mit dem Alter unsere kognitiven Fähigkeiten nachlassen, funktioniert Fluchen noch einwandfrei. Dies mag eine Erklärung dafür sein, warum Menschen mit Demenz so viel fluchen. Ich hoffe dir hat der kleine Ausflug in die Welt des Fluchens gefallen. Mehr zum Fluchen findest du unter (Handbuch “swearing and the brain” von Shlomit Finkelstein; PDF zum Herunterladen). 

Wie ist das mit Fluchen online? Dieser Frage sind Wissenschaftler_innen aus verschiedenen Fachrichtungen beim internationalen Workshop zu verletzender Sprache online nachgegangen (hier als PDF zum Herunterladen).

 

In diesem Sinne: Have a fucking good day 😉

 

Fette Grüße,

Deine*e Dot