Unbeliebte Meinung: Intuitives Essen vs. Intuitive Ernährung

Unbeliebte Meinung: Intuitives Essen vs. Intuitive Ernährung

  • Beitrags-Autor:
  • Beitrags-Kategorie:Allgemein

Bloß Semantik oder doch mehr? Warum ich den einen Begriff lieber benutze als den Anderen

Warum ist dieses Thema in der Rubrik unbeliebte Meinung? Weil mir einige Leute in vergangenen Diskussionen bereits gesagt haben, ich würde damit Haare spalten und es wäre doch nur Semantik. Beide Begriffe würden doch haargenau das selbe bedeuten. Sie verstehen nicht warum mir dieses Thema so wichtig ist. Warum denke ich überhaupt länger als 5 Minuten darüber nach? 

“Sticks and stones may break my body but words can tear me apart” 

– The Divine Comedy

Weil Worte Macht haben, darum! Ich weiß noch wie schrecklich ich mich bis ca. 2010 gefühlt habe jedes Mal als mich Jemand “dick” oder sogar “fett” nannte. Dieses simple Adjektiv hatte die Macht meinen ganzen Tag zu zerstören. Heute antworte ich mit “Herzlichen Glückwunsch, Sie haben Augen im Kopf. Ich bin dick. Und jetzt?” Genauso wie du hier “Übergewicht” oder “Adipositas” wenn überhaupt NUR in den Überschriften lesen wirst für das SEO, können Worte als Waffe eingesetzt werden. Klar, Begriffe wandeln sich. Heute bedeutet “queer” etwas ganz Anderes als es noch vor 30 Jahren der Fall war. Aber ich schweife ab…

Wenn du folgende Bezeichnungen nebeneinander liest, was verbindest du dann mit jeder einzelnen davon? 

  1. Intuitive Ernährung
  2. Intuitives Essen

Frage dich mal: Wo liegt jeweils der Fokus? Wenn du eine total unbedarfte Person wärst, die sich durch Zufall auf diesen Blog verirrt hätte und du würdest nur diese beiden Begriffe lesen, Welches Bild hättest du dann jeweils im Kopf? Frage auch gerne mal die Menschen in deinem Umfeld, die nichts mit Ernährung oder Diäten am Hut haben (meistens dyad cis hetero Männer). 

Es klingt wissenschaftlicher. Wir assoziieren damit sofort eine qualifizierte Fachberatung und erwarten, dass alle unsere Ernährungsfragen aufs Gramm genau geklärt werden. 

 

Der erste Eindruck:

 Bei “Intuitiver Ernährung” liegt der Fokus ganz klar auf dem Wort Ernährung. Es klingt wissenschaftlicher, technischer und kühler. Wir denken sofort an eine_n Ernährungswissenschaftler_in im Labor oder an eine qualifizierte Fachberatung bei einer Diätassistent_in und erwarten, dass alle unsere Ernährungsfragen aufs Gramm genau geklärt werden. Bei “intuitiv Essen” liegt der Fokus auf dem Wort Essen. Es klingt etwas schwammiger als “Ernährung” und wir denken weder an Wissenschaft, noch an eine professionelle Fachberatung, sondern eher an ein Selbsthilfe- oder eventuell ein Kochbuch. Er fühlt sich definitiv weniger kühl an, denn das Wort “Essen” weckt bei den meisten Menschen zumindest unterbewusst angenehme Assoziationen. 

Vor- und Nachteile aus der Business Perspektive: 

Für mich als anti-Diät Profi, die keine Ernährungsberatung Ausbildung hat (und auch keine machen möchte), sondern Sozialwissenschaftlerin ist macht es Sinn ab und zu von “intuitiver Ernährung” zu sprechen oder zumindest den Hashtag auf social media zu verwenden um zu zeigen, dass ich eine Fachausbildung in dem Bereich habe. Aber ich tue es tatsächlich ungern. Warum? Weil sich auf Instagram, Facebook und Co. sehr viele Coaches tummeln, die sich zwar “intuitive Ernährung” auf die Fahnen schreiben, aber letztendlich nur eine restriktive Diät à la “intuitiv abnehmen” (Link hier zu meinem Instagram Live mit Andrea Zarfl) verkaufen. In der Ernährungsbranche ist der Beruf “Ernährungsberater_in” auch sehr schlecht angesehen, weil eins sich bereits nach einem Wochenendseminar so nennen darf und es da keine einheitlichen Standards gibt. Wenn ich ausschließlich den Begriff “intuitiv Essen” verwenden würde, passiert mir das, was ich häufig erlebe. Ich werde als Privatperson gelesen, die in ihrer Freizeit ein bisschen Aktivismus betreibt und nicht als Jemand, die das hauptberuflich macht. Aus unternehmerischer Sicht macht “intuitive Ernährung” mehr Sinn, weil sich das besser vermarkten lässt und es beim Publikum “wertiger” rüberkommt. Oder wie viel würdest du für eine “intuitiv Essen Beratung” im Vergleich zu einer “intuitiven Ernährungsberatung” ausgeben? 

Im Original heißt es “intuitive eating” nicht “intuitive nutrition”

 

Jetzt wird’s persönlich: Meine professionelle Meinung  

Im Original heißt es “intuitive eating” nicht “intuitive nutrition” oder noch schlimmer “intuitive diet”. Die beiden original Autorinnen Elyse Resch und Evelyn Tribole wollten den Fokus auf das EssVERHALTEN legen und nicht auf die Nahrung. Denn beim original intuitive eating geht es weniger darum was gegessen wird und mehr darum wie gegessen wird. Er hat viel mehr mit Psychologie zu tun als mit Diätetik. 

Wobei ich dazu sagen muss, dass ich nichts gegen Diätetik bzw Ernährungswissenschaft habe. Nur bitte anti-Diät und ohne Schuldzuweisungen oder Diskriminierung. Ich verstehe die Kolleg_innen, die aus der Ernährungsbranche kommen und dann intuitives Essen für sich entdeckt haben. In Gesprächen mit ihnen habe ich erfahren, dass anti-Diät für Sie am Anfang eine Gratwanderung war und sie sich von Vielem, was sie in ihrer Ausbildung bzw. im Studium gelernt haben, verabschieden mussten. Es ist schwieriger etwas zu VERlernen als etwas neu zu lernen. 

Ohne Diätkultur würde “Intuitive Ernährung” einfach nur “Essen” heißen. 

Als Sozialwissenschaftlerin, life coach und selbst Betroffene von Gewichtsdiskriminierung, habe ich darauf eine ganz andere Sicht. Ich bin weniger auf die Frage fokussiert was denn jetzt “gesunde Ernährung” ist und arbeite mehr damit meinen Klient_innen beim Abschied von der Diätkultur und gesunder Grenzziehung zu helfen. Manche nennen dies radikal, weil diese Sicht von sozialem Gerechtigkeitsdenken geprägt ist. Ich antworte mit einer Gegenfrage: Würde es keine Diäten geben, wie würden wir dann “intuitives Essen” nennen? Richtig! Einfach nur “Essen”. Denn wir werden Alle als intuitive Esser geboren! 

Was uns zurück zum Thema bringt. Welcher Begriff fängt die Essenz von intuitive eating besser ein? Worum geht es bei intuitive eating? Nicht um Marketing oder Semantik, sondern um DICH da draußen. Um die Klient_innen! 

Denn worum geht es bei IE? Nicht um Marketing oder Wörter, sondern um DICH da draußen! Um die Klient_innen. Und was wollen die Klient_innen am meisten?

Endlich Frieden mit dem Essen und dem eigenen Körper schließen und sich nicht mehr 24/7 wegen Essen zu stressen! Aufhören sich “außer Kontrolle” beim Essen zu fühlen und nicht mehr emotional essen. Was mir als Fachberaterin bereits zeigt, dass in einem anderen Bereich zu viel Kontrolle ausgeübt wird. Aber das ist ein Thema für einen anderen Artikel 😉 Ja, der Begriff “Intuitive Ernährung” zieht die Art von Klient_innen an, die noch sehr im Diät-Denken stecken und sich nach der bereits erwähnten Kontrolle durch Essenspläne und genau messbarem Erfolg sehnen. Doch darum geht es bei intuitive eating nicht. Dieses Selbstoptimierungsdenken ist ein Symptom der Diätkultur. 

Die Diätindustrie operiert nach einem einfachen Prinzip “sell to the pain” = verkaufe an den Leidensdruck

Um die gewünschte Gelassenheit bei Essen und Körpergefühl zu erreichen, geht es darum überhaupt erstmal zu verstehen wie genau die Diätindustrie funktioniert bzw. was genau uns da verkauft wird. Was steckt hinter dem Traum vom Schlanksein? Die Diätindustrie operiert nach einem einfachen Prinzip “sell to the pain” = verkaufe an den Leidensdruck. Darüber allein könnte ich auch einen ganzen Artikel schreiben. Dieser Leidensdruck ist das schlanke Schönheitsideal. Die Schattenseite davon: Gewichtsdiskriminierung. Um dem entgegenzuwirken, habe ich mein Programm Diät-Talk Bremse entwickelt. Quasi ein Selbstverteidigungskurs gegen übergriffige Kommentare egal ob privat, beruflich oder bei d. Ärzt_in. 

Das eigentliche Ziel von intuitive eating ist es Gelassenheit zu entwickeln. Nicht nur bei Essen, Körper und Bewegung sondern im gesamten Leben.

Also ja, obwohl mir der Begriff “Intuitive Ernährung” wahrscheinlich mehr Klient_innen einbringen würde, die auch bereit wären mehr für eine Fachberatung auszugeben, bleibe ich dennoch beim “intuitiven Essen”weil es das, was ich mir für alle meine Klient_innen wünsche, eher verkörpert. Das eigentliche Ziel von intuitive eating ist es Gelassenheit zu entwickeln. Nicht nur bei Essen, Körper und Bewegung sondern im gesamten Leben. Auf diesem Weg zu mehr Gelassenheit begleite ich dich gern! HIER kommst du zum kostenlosen Kennenlerngespräch

Fette Grüße,

Dein*e Dot